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Blog-Artikel

Arbeit & Soziales

Endstation Eigenverantwortung?

„Leistung entscheidet“, „Mit Arbeit ist alles zu machen“, „Eigenverantwortung ist sozialer Fortschritt“ (…) Solche oder ähnliche Äußerungen hörte ich kürzlich in einer Diskussionsrunde unter Genossen/innen der SPD. Klar, als Parteilinker ist man in Baden-Württemberg häufig in der Minderheit, einfach schon weil hier auch viele SPD Mitglieder gut oder gar sehr gut verdienen und sich mitunter nicht wirklich vorstellen können, wie es einfachen Menschen heute geht. Sie haben häufig bereits keine realistische Vorstellung mehr vom Leben gewöhnlicher Arbeiterfamilien, die noch ein einigermaßen auskömmliches Einkommen erzielen und schon erst recht nicht von Hartz-IV-Empfängern.

Wedding-ubahn_featured Gerade in der Behauptung, dass mit Arbeit alles zu erreichen sei, liegt ein häufig verwendeter, zentraler Ausgangspunkt neoliberaler Denkmuster. Ein Blick auf die sozialen Brennpunkte unseres Landes zeigt, dass in Wahrheit ganz andere Kriterien heute regelmäßig über sozialen Auf- oder Abstieg entscheiden.

Da momentan ja der Name Boateng besonders im Gespräch ist, verwende ich zur Darstellung das Beispiel jener berühmten Halbbrüder Kevin-Prince und Jerome Boateng aus Berlin. Ja, die beiden haben es geschafft – sind heute Fußballprofis und verdienen damit sehr viel Geld. Wo aber kommen sie her? Beide sind in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen – besonders Kevin-Prince Boateng (der durch ein Foul an Michael Ballack derzeit stark in Misskredit geraten ist) hat in mehreren Interviews darüber gesprochen, dass er nicht weit davon entfernt war, kriminell zu werden (vgl. externe Links: http://www.zeit.de/2010/20/DOS-Bolzplatz?page=1 oder http://www.bild.de/BILD/sport/fussball/bundesliga/2009/02/25/kevin-price-und-jerome-boateng/sind-das-wildeste-bundesliga-brueder-paar.html##) . Er ist in Berlin-Wedding aufgewachsen – ein Stadtviertel mit hoher Kriminalitätsrate und massiven sozialen Problemen. Wie kommt nun ein junger Mensch da raus?

In den meisten Fällen gilt der Erbfaktor: „Wer nichts erheiratet und nichts ererbt, der bleibt eine arme Sau, bis dass er stirbt!“ sagt ein süddeutsches Sprichwort. Ja, beide Boatengs haben sicher viel trainiert und damit Leistung erbracht. Aber sie haben auch etwas Entscheidendes in die Wiege gelegt bekommen – das fußballerische Talent! Schließlich spielte bereits deren Onkel für die Nationalmannschaft von Ghana. K.-P. Boateng hat zudem noch eine Verwandtschaft zum legendären Helmut Rahn. Selbst wenn sie sich viele Fertigkeiten durch Übung erworben haben – das fußballerische Potential war von Anfang an vorhanden. Nun kann aber nicht jeder die Fähigkeit haben, so gegen einen Ball zu treten, dass man damit Geld verdienen könnte – was wäre wohl aus den beiden geworden, wenn sie diese Gabe nicht gehabt hätten?

Vermutlich hätten sie auch „Karriere“ gemacht – allerdings eine ganz andere. In besagter SPD-Runde wurde argumentiert, man müsse doch erwarten können, dass sich Leute aus derartigen gesellschaftlichen Schichten „bestmöglich bemühen“, so wenig soziale Leistungen wie möglich zu benötigen. Ich glaube, das wird man ohne staatlichen Anstoß meist nicht verlangen, geschweige denn bewirken können. Orientierung bieten den jungen Leuten eben die gegebenen Strukturen ihrer sozialen Umgebung… wenn diese nicht stimmen, wird oft auch aus den Kindern nichts anderes.

Ein Patentrezept, diese Zustände von heute auf morgen zu überwinden, gibt es nicht. Was ich damit nur sagen will: Politik darf nicht alles auf Eigenverantwortung schieben! Wir müssen soziale Umverteilung organisieren – nicht nur finanziell, sondern auch an Chancen! Armut muss bekämpft werden, vor allem bei Kindern! Niemand darf abgeschrieben werden, egal welcher Herkunft und wie viel er oder sie im Leben schon falschgemacht hat!

PS: Noch kurz etwas zum Fußballer Kevin-Prince Boateng und sein Foul an Michael Ballack: Meiner Einschätzung nach geschah die Aktion mit „dolus eventualis“, dh. mit billigender Inkaufnahme hinsichtlich eines Foulspiels, nicht aber zur Verletzung. Ich glaube nicht, dass er auch nur im Entferntesten daran gedacht hat, Ballack könnte in der Folge eine solche Verletzung erleiden und für die WM ausfallen (insoweit also nur Fahrlässigkeit). K.-P. Boateng ist an sich ein sehr guter Fußballer, der aber leider immer wieder durch solche Aussetzer auffällt – eigentlich Schade, aber vielleicht ändert sich das ja doch noch mal… wenn er irgendwann wieder in Dortmund spielen sollte und Jürgen Klopp sein Trainer ist, wäre die Chance dafür vermutlich am besten… ;-)

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